Eine dieser Geschichten, wo Mann und Frau sich mögen, sich verabreden um gemeinsam für eine Projekt-Arbeit zu schuften und auf sich auf einmal recht unbekleidet in der Horizontalen wieder finden. Soll passieren, so etwas. Eigentlich hatte ich ihn nicht als Kandidaten für meine Trophäensammlung vorgesehen, solche Dinge passieren eben einfach aus der Situation heraus. Vielleicht hätte ich die Finger vom Wein lassen sollen oder so. Wie gesagt, solche Dinge passieren. Danach guckt man sich meist verlegen an, sammelt seine Klamotten ein und verschwindet – wenn man sich mit jemandem eingelassen hat, für den Sex einen anderen, höheren Stellenwert hat als für einen selber.
Er war zum Glück recht locker und gelassen und so lagen wir unbekleidet auf seinem Teppich, teilten uns eine Zigarette und redeten. Bis er diesen Satz sagte. Der mich vollkommen aus den Socken hieb, die ich gar nicht mehr anhatte. „Du hast mir übrigens den Rücken zerkratzt, als du gekommen bist.“ Da lag ich und fragte mich, ob er das ernst meinte. „Aha,“ gab ich zurück. „Ja, oder bist du nicht ...“ er ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen. Ich schüttelte den Kopf und Entsetzen zog über sein Gesicht. „Aber ich dachte ...“ er schaute mich an als sei ich ein Alien, daß gerade einer Raumkapsel entstiegen sei. „Aber dann wars für dich ja gar nicht gut!“ er guckte so enttäuscht, daß ich mich fragte, warum ich nicht einfach genickt habe und die Sache auf sich beruhen ließ.
Ich hab die Nacht danach in meinem eigenen Bett gelegen und mich gefragt, warum Männern das eigentlich so furchtbar wichtig ist. Es heißt schließlich Orgasmus und nicht Orgas-Muss. Und wer sagt, daß Sex nicht auch befriedigend sein und Spaß machen kann ohne sich auf die große Jagd nach dem kleinen Tod zu begeben? Ich kann mich an Gelegenheiten erinnern, wo ich mich nach dem zehnten Orgasmus umgedreht habe und mir trotzdem unbefriedigt vorkam. Gut, das ist eher sehr seltene Ausnahme als die Regel, aber trotzdem, es kam schon vor. Sex ist schließlich kein Marathonlauf, bei dem es darauf ankommt, ums Verrecken das Ziel zu erreichen. Während ich so im Dunkeln die Decke anstarrte und nachdachte, ging mir irgendwann auf, daß ich im Verhältnis zur Häufigkeit meines Sexes eher selten den Gipfel erreiche. Und trotzdem der Meinung war, ein befriedigendes Sexualleben zu haben.
Ich begann, mich im Freundeskreis umzuhören. Sex ist ja schließlich ein Thema, das ständig irgendwie auf den Tisch kommt – früher oder später. Ich bekam des öfteren von Frauenseite zu hören, daß Sex ohne über den Gipfelstürmen nicht das wahre sei und ließ mir von einem Freund erklären, daß Männer wohl auch Orgasmen ohne Ejakulation haben können. Was dann zum Schluß führte, daß nicht nur Frauen das große O vortäuschen. Ich grübelte weiter darüber nach, denn ich wollte das nicht so stehen lassen – es hätte ja bedeutet, daß ich irgendwo was falsch mache.
Den eigenen Sex unter die Lupe zu nehmen hieß die Devise. Ich wühlte in Erinnerungen und suchte nach dem Grund, warum mir der eigene Orgasmus so oft ziemlich gleichgültig ist. Und stellte fest, es geht für mich nicht darum, einen kleinen Tod zu sterben sondern um das Jagen und darum, die Oberhand zu behalten. Dann geht es für mich darum, den Jagdtrieb zu befriedigen – und das geht eben auch ohne wilde Zuckungen und die Bilder von der Wand zu röhren. Und machen wir uns nichts vor, wenn ich zu einem Kerl „Nein“ sage, dann meine ich das auch so und er wird mit seinem besten Stück nie da landen, wo er hin möchte. Die letzte Entscheidung bleibt bei mir und aus genau diesem Wissen ziehe ich die Befriedigung. Einem Mann in die Augen zu schauen, der tief in einem kommt und zu sehen, wie er für diesen Moment jegliche Kontrolle verliert, ist ein sehr mächtiges, sehr geiles und sehr befriedigendes Gefühl.
Das wäre einer der Gründe. Ein anderer ist schlicht und ergreifend der, daß ich nicht zu den gesegneten Frauen gehöre, die es beim einfachen Rein-Raus-Spielchen über die Ziellinie schaffen. Sondern da gehört mehr Stimulation und vor allen Dingen viel Zeit sowie Vertrauen zu. Zeit, die ich mir oft selber nicht gebe wenn ich jage. Denn dann will ich die Beute erlegen und ihr dabei in die Augen schauen. Warum denn aber Vertrauen? Nun, für mich bedeutet ein Orgasmus, mich vollkommen zu vergessen, hinzugeben, in diesem Moment wehrlos zu sein und die Kontrolle aufzugeben. Und das geht nicht mit jedem, mit dem ich Sex habe, sondern nur mit Männern, denen ich vertraue und die ich nicht als zu erlegende Beute begreife. Es gibt verschiedene Gründe, Sex zu haben. Wenn mich der Jagdtrieb packt, dann hat das wenig mit Vertrauen und Liebe zu tun. Es ist eine ganz andere Art von Sex und ich sehe keinen Mann als Versager, nur weil er mich nicht bis zum Gipfel gescheucht hat. Wir erinnern uns? Orgasmus, nicht Orgas-Muss. Es muß nicht der kleine Tod sein, das Gefühl, gut gefickt worden zu sein reicht mir manchmal vollkommen.
Dann gibt es noch Geschichten wie
diese, die einfach keinen Orgasmus brauchen weil es nicht um den Sex, sondern um die Gefühle dabei geht und Sex ein Weg ist, diese auszudrücken und eine Verbindung zum anderen zu schaffen. Sex mit jemandem, den man liebt, hat eine ganz andere Qualität als mit einem Kerl, den man sich irgendwo und sei es auf einer neunstündigen Zugfahrt anlacht. Sich an den Standards anderer zu messen ist also nicht wirklich mein Ding und ich sehe auch heute noch nicht ein, warum ich nicht einfach Spaß haben kann statt mich auf einen Marathon begeben zu müssen, wenn ich die Ziellinie gar nicht erst anvisiere. Ich mag meinen Sex und in den meisten Fällen finde ich ihn befriedigend – und wenn wir Butter bei die Fische geben, dann kann ich auch genug Orgasmen nur mit mir selber haben.