Zugfahrt - Teil II
Die Frage hallt mit langen Echos in mir nach. Und ob ich will. Ich fühle mich als würde ich zu nahe am Feuer stehen. Jede Faser in mir vibriert im Takt dieses Spiels. Seine Hand wandert in meinen Nacken. Seine kühlen Finger brennen auf meiner Haut. Sacht zieht er mich über den Tisch. Denken aus, reagieren ein. Es sind meine Lippen, welche die seinen finden. Ihn locken. Reizen. Mit ihm spielen. Der letzte Kuß, der mir derart die Erregung wie auf der Überholspur durch die Adern jagt, ist verdammt lange her. Mir wird schlagartig klar: zu lange. Als ich aus diesem Kuß wieder auftauche, bemerke ich die halb amüsierten, halb neiderfüllten Blicke des Zugpersonals, das zumindest so tut als würde es Gläser polieren während es verstohlen zu uns blickt.
"Gehen wir zu dir oder mir?" fragt er, die Hand immer noch in meinem Nacken. Über meinem Sitz liegt ein Bär im Winterschlaf," antworte ich, mit einem Finger die Kontur seiner Lippen nachfahrend. "Klingt, als ob wir dann in mein Einzelabteil gehen würden." Und genau das tun wir. Einmal durch den ganzen Zug. Die Ungeduld reißt mir Löcher in die Eingeweide. Ich will jetzt. Und hier. Und sofort. Der verfluchte Zug nimmt kein Ende. Vielleicht wären wir schneller, wenn wir uns nicht knutschend vorwärts bewegen würden, die Hände unter der Kleidung des anderen. Der Schaffner braucht mehrere Anläufe, bis wir ihn zur Kenntnis nehmen. Er drängelt sich mit einem Zwinkern an uns vorbei. "Da sind wir," sagt er, schwer atmend. Endlich. Er öffnet die Türe, läßt mich zuerst eintreten.
Ich öffne das Fenster, lasse die kühle Nachtluft mein erhitztes Gesicht streicheln. Noch neun Stunden bis nach Hause. Noch bin ich nicht da. Verschränke die Arme auf den Griffen, lehne mich gegen das Fenster. Er tritt hinter mich. Fängt die Haarsträhnen ein, die wild mit dem Fahrtwind tanzen. Ich kann ihn spüren. Hinter mir. Die Hände, die meine Haare halten. Die Lippen auf meinem Nacken. Die Härte in seiner hellen Jeans, die sich gegen meinen Po drückt. Seine Präsens übertönt die traurigen, lebensfeindlichen Gedanken der letzten Wochen. Und ich fühle mich, als würde ich gerade geboren. Ich bin gierig, hungrig, geil und ich denke nicht mehr nach. "Safer Sex!" flüstert er mir rauh ins Ohr. Ich nicke, drehe mich um. Ziehe ihm das T-Shirt aus. Lasse die Hände über seinen Oberkörper gleiten. Perfekt, was ich fühle. Hölle, der Typ sieht gut aus. "Hilfe! Was mache ich hier und warum tut er mit mir, was er tut? Ausgerechnet mit mir?" zuckt der Gedanke lautstark in mir auf. Mit einem unhörbaren Knurren jage ich ihn davon. Werfe ihn aus dem Fenster und lasse ihn hinter mir. Vollkommen egal, warum.
Eben noch schoben wir uns wie im Fieberwahn durch den langen, schmalen Gang. Quer durch den ganzen Zug. Jetzt übergeben wir der Langsamkeit das Zepter. Ziehen uns gegenseitig aus. Lassen Hände, Zunge, Lippen wandern. Stehen uns vollkommen nackt gegenüber im schummerigen Licht. Wie selbstverständlich gehe ich auf die Knie. In Augenhöhe mit seinem Schwanz. Gerade richtig. Länge, Breite, Umfang. Einfach richtig. "Der gefällt mir," sage ich, ein Lächeln nach oben schickend. Er lacht leise während meine Fingerspitzen sacht und bewundernd über diese prachtvolle Männlichkeit huschen. Seine Hände spielen mit meinen Haaren. Was haben Männer nur mit langen Haaren? Interessiert jetzt nicht. Ich will mit diesem Schwanz spielen, ihn necken, fühlen, schmecken.


