Der erste Kuß

Es macht Spaß in Erinnerungen zu schwelgen und sich langsam an das Schreiben über ein Thema heranzutasten, das ... sagen wir kontrovers ist. Es ist zu einem großen Teil Reflexion darüber, wer ich war, was ich erlebt habe und was es aus mir gemacht hat. Die Erkenntnis, daß ich vermutlich nicht so ganz alleine bin mit meiner Einstellung, die von gängigen Klischees, Erwartungen und Regeln abweicht. Es macht mir langsam und allmählich bewußt, wer und was ich bin, daß ich das nicht verleugnen und einsperren kann und ich eingehen werde, sollte ich es jemals zulassen, daß mich jemand an die kurze Leine legt.

Doch zurück zu den Erinnerungen. Den Teil seines Lebens aufzuarbeiten und zu reflektieren, den man für gewöhnlich mit Sexualität benennt, führt einen unweigerlich an die Anfänge. Immer wieder, viele Male Neuland betreten. Ich denke, ich werde nicht die Einzige sein, für die der erste Kuß die Eintrittskarte in dieses neue, aufregende Land war. Mit dreizehn oder vierzehn Jahren träumte ich das erste Mal davon – ohne überhaupt eine Ahnung zu haben, wie das funktionieren sollte. Es sollte zwei Jahre dauern bis ich herausfinden sollte, was es mit dem Küssen auf sich hat. Und da das Leben nie so spielt, wie man das gerne hätte, lief es natürlich auch nicht so, wie ich mir das in heimlichen Träumen ausgemalt hatte.

Ich war sechzehn und spielte Volleyball in einer regional recht erfolgreichen Mannschaft. Wir spielten nicht in der Jugend, sondern in der Damen-Liga und hatten dreimal die Woche Training. Katharina war erst vor kurzem in unsere Gegend gezogen und vielleicht zwei oder drei Monate in der Mannschaft. Sie war neunzehn, hatte lange schwarze Haare und eine Art, sich zu bewegen, die an eine Raubkatze erinnerte. Ich mochte sie im Gegensatz zu den anderen Mädchen, die sie immer ein wenig mißtrauisch beäugten. Katharina und ich blieben oft nach unserem Training noch länger in der Halle, um mit der zweiten Herren-Mannschaft zu trainieren. Das Training war härter, fordernder und die Kerle nahmen wenig Rücksicht darauf, daß wir Mädchen waren. Sie droschen uns die Bälle genauso hart um die Ohren wie sie das unter sich auch taten. Sie akzeptierten uns als gleichwertig und mir persönlich tat das gut, endlich mal nicht angejammert zu werden, weil ich beim Aufschlag keine Rücksicht darauf nahm, wer beim Training auf der gegnerischen Seite des Feldes stand. Ich genoß es, mich dort richtig austoben zu können.

Es war ein Mittwoch im November (das weiß ich nur noch so genau, weil ich damals regelmäßig Tagebuch schrieb) und Katharina unterhielt sich mit dem Trainer der Herren noch über die Möglichkeit, eventuell eine Mix-Mannschaft aufzustellen, während ich schon unter die Dusche ging. Heißes Wasser prasselte auf mich nieder und der Duschraum hüllte sich in Dampfschwaden, die Dusche nach dem Training war nicht nur nötig, es tat auch einfach gut, sich nach der Anstrengung zu entspannen und wieder runter zu kommen. Ich hörte nicht, wie Katharina herein kam. Sie sagte etwas, das ich nicht verstand, also drehte ich mich um. Da stand sie, zwei Schritte von mir entfernt, inmitten der Dampfschwaden, legte den Kopf ein wenig schief und musterte mich einmal von oben bis unten. Ausführlich gemustert zu werden war ich nicht gewohnt, schon mal gar nicht nackt unter der Dusche.

Verlegen stand ich unter dem heißen Wasserstrahl, da trat sie auf mich zu, lächelte kurz und legte ihre Hände in meinen Nacken. Ich stand wie eine Salzsäule da und wußte nicht, was ich sagen oder tun sollte. Ich muß sie angeguckt haben wie ein Auto. Und ehe ich versah, berührten ihre Lippen meine, ihr Körper lehnte gegen meinen. In dem Moment schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf und ähnlich viele Empfindungen durch den Körper. Ihre Hände in meinem Nacken, ihre Brust an meiner, ihr Bauch an meinem, das heiße Wasser, ihre Zunge, die sacht über meine Lippen fuhr. Es hätte mich nicht gewundert, wenn ich einfach in Ohnmacht gefallen wäre. Noch viel mehr wunderte mich allerdings, daß ich es nicht tat.

Ich fühlte mich, als ob mich jedesmal ein Stromstoß durchfuhr, wenn unsere Zungen sich berührten. Zaghaft legte ich meine Hände auf ihre Taille und zog sie nach einem endlosen Moment ein wenig näher an mich heran. Ich dachte nicht mehr nach, ich fühlte nur noch und verlor dabei jegliches Zeitgefühl. Bis plötzlich die Stimme unseres Trainers aus dem Flur schallte. „Mädels, braucht ihr noch lange?“ Wir stoben auseinander und standen atemlos einen Schritt auseinander. „Ja, wie auch immer. Ich leg euch den Schlüssel hin, schließt bitte ab!“ rief er noch und dann hörten wir die Türe der Halle zuschlagen. Wir schauten uns an und mir klopfte das Herz bis zum Hals. „Seitdem ich mit euch trainiere, habe ich mich gefragt, wie sich deine Lippen wohl anfühlen. Jetzt weiß ich es,“ sagte sie lächelnd.

Wir duschten, ich schloß die Halle ab und fuhr mit dem Rad nach Hause. Später lag ich im Bett, mit Stift und Notizbuch, und versuchte zu notieren, was da passiert war. Es ist nie wieder etwas zwischen uns passiert, doch ab und an beim Training oder in der Umkleide zwinkerten wir uns verschwörerisch zu und unser Geheimnis blieb unseres. Vier Jahre später sollte sich unsere Mannschaft auflösen und ich hab sie seitdem nicht mehr wieder gesehen. Manchmal wundere ich mich, was aus ihr geworden ist und ob sie immer noch ausprobiert, wie sich die Lippen eines anderen Menschen anfühlen.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

logo

Schneeweischens & Rosenrotes elf Minuten

Wir sind ...

... zwei Frauen.
... Jägerinnen.
... Sammlerinnen.
... so jung wie wir uns fühlen.
... uns in vielen Dingen sehr ähnlich.
... in anderen Dingen wiederum sehr verschieden.
... so nett, dem Bösen Wolf die Türe zu öffnen.
... bereit, ihn seine Geschichten erzählen zu lassen.
... erreichbar unter elf.minuten@web.de

Andere meinen ...

der Freibrief ist noch...
der Freibrief ist noch nicht eingelöst worden......
Schneeweischen - 6. Okt, 21:30
Wo steckst Du nur? Hast...
Wo steckst Du nur? Hast Du Dich vom Freibrief noch...
Stueck (anonym) - 3. Okt, 15:49
:-D
:-D
Schneeweischen - 25. Sep, 21:04
Warum war mir das klar??...
Warum war mir das klar?? *grübel*
Stueck (anonym) - 25. Sep, 15:14
Richtig
interessant wird es immer erst, wenn 'Stop' nicht mehr...
promisc - 25. Sep, 00:07

Status

SRTitel07

Online seit 731 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 11. Okt, 17:49

Credits

SRTitel06

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur f�r neue Medien

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB

Stats by Net-Counter

11 Minuten
abgrundtief böse
About us
Fragen ueber Fragen
Immer nur Sex im Kopf
Interessantes zum Lesen
Neuland
Nicht nur Sex
Skuriles & Notizen
So bitte nicht
TOP TEN
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren