"Laß uns Abschied feiern" (II)

Das Haus liegt im Dunkeln und wir schleichen leise rein. Halb elf, man könnte meinen, hier in einem Altersheim zu sein. Die Entscheidung fällt auf sein Zimmer. Das Licht erscheint so unheimlich grell für meine vom Gras empfindlichen Augen. Ihm geht es ähnlich, also macht er das Licht aus.
„Hey, ich will aber was sehen!“ beschwere ich mich. Es ist stockfinster im Raum.
„Andere Lampen gibt es hier nicht, höchstens Kerzen,“ ich höre ihn durch den Raum tappen.
„Dann mach Kerzen an, ich will nicht im Stockdunkeln ficken!“ ich habe noch nicht ganz ausgesprochen, da flackert sein Feuerzeug auf. Während er Kerzen im Raum verteilt, ziehe ich Schuhe und Jacke aus, lehne mich an den Türrahmen und warte. Dabei fällt mir erstmal auf, wie durchgefroren ich bin.
„Jetzt besser, das gnädige Fräulein?“ zieht er mich auf. Der Raum ist in warmes Kerzenlicht getaucht. Wir mustern uns.
„Du hast zu viele Klamotten an,“ stellt er fast sachlich fest.
„Du auch. Zeit das zu ändern,“ ich gehe auf ihn zu, ziehe ihn an seinem Pullover zu mir heran. Meine Hände in seinem Nacken, seine Hände wandern unter die zwei Schichten an Bekleidung, die mich noch verhüllen. Seine warmen Hände scheinen auf meiner kalten Haut zu brennen. Unsere Lippen finden sich während wir uns gegenseitig vom vielen überflüssigen Stoff befreien.
„Du bist ganz kalt,“ flüstert er und ich nehme seine Hand, schiebe sie zwischen meine Schenkel.
„Da nicht,“ flüstere ich zurück. Er grinst.
„Du wirst dort wohl nie kalt sein.“

Er zieht mich aufs Bett, streicht mir die Haare aus dem Gesicht. Etwas ist anders diese Nacht. Wir sind anders diese Nacht. Es ist nicht nur das Gras, das uns weicher gemacht hat. Wir sind weicher und diese Nacht braucht keine Härte. Es gibt keinen Schmerz mehr, den wir uns aus dem Leib ficken müssen. Wir benutzen uns diesmal nicht gegenseitig, wir nehmen uns Zeit stattdessen. Entdecken uns mit Händen und Zungen. Reizen unsere überempfindliche Haut. Schauen uns in die Augen und küssen uns sanft. Bis ich das Gefühl habe, am ganzen Körper zu brennen. Mit einer Hand hält er mich fest während er mich mit der anderen den Gipfel hoch jagt. Schaut mir dabei in die Augen. Und es passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Ich übergebe ihm die Kontrolle, lasse mich in seine Hände fallen.

Wir reden nicht viel, wir kommunizieren ohne Worte und verstehen uns. Vögeln immer wieder. Auf dem Bett, auf dem Fußboden, auf dem Tisch. Ruhen uns zwischen drin immer wieder aus, gehen sanft und respektvoll miteinander um bis wir morgens erschöpft einschlafen. Ich werde nach einer Stunde wach, löse mich vorsichtig aus seinen Armen und lösche die Kerzen. Draußen graut der Morgen und im diffusen Dämmerlicht sammel ich meine Klamotten ein. Vor der Türe schlüpfe ich nur in Jeans und Pullover und schleiche in mein Zimmer. Ich mag dieses Gefühl nach einer durch gevögelten Nacht. Zufrieden rolle ich mich unter meine Decke und schlafe ein.

Mittags werde ich wach. Irgendetwas fühlt sich anders an, ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich weiß genau, die letzte Nacht habe ich etwas geweckt, das ich nicht habe wecken wollen. Also gehe ich ihm den restlichen Tag aus dem Weg, packe meine Sachen. Morgen fahre ich wieder zurück. Es gelingt mir im Verlaufe des Tages fast, mir selber einzureden, daß ich mir nur einbilden würde, es hätte sich etwas geändert. Da ich morgen sehr früh am Bahnhof sein muß, gehe ich früh schlafen.

Ich habe mir ein Taxi zum Bahnhof genommen, bin gut vierzig Minuten zu früh dran. Sitze am Bahnsteig und halte mich müde an einer Tasse heißen Kakaos fest, das Thermometer zeigt bestimmt noch Minusgrade an. Ich frage mich, ob ich wirklich fahren will und versuche gleichzeitig mich davon zu überzeugen, daß ich mich albern benehme. Es war das Gras, sonst nichts. Ich schließe die Augen, döse ein wenig vor mich hin. Es ist noch nicht einmal richtig hell. Ich sehe ihn nicht, doch ich weiß wer sich mir nähert und neben mich auf die Bank setzt.
„Du hast doch wohl nicht geglaubt, du könntest dich einfach so davonschleichen. Oder?“ in seiner Stimme schwingt eine ungewohnte Wärme mit.
„Och, man kanns ja versuchen,“ ich öffne die Augen, drehe den Kopf und unsere Blicke treffen sich.
„Rauchen wir noch eine Zigarette? Wir sind letztens nicht zu der nach dem Sex gekommen.“
„Hmm ...“ brumme ich.
„Diskutier nicht, gib mir dein Feuerzeug!“ er streckt mir fordernd die Hand entgegen. Mit einem Kopfschütteln reiche ihm das gewünschte. Er reicht mir die angezündete Zigarette und steckt sich selber ebenfalls eine an. Wir sitzen schweigend und rauchend nebeneinander auf der Bank. Ein Schweigen, das mich bedrückt – denn ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Ich mag keine Zigarettenkippen auf den Bahnsteig werfen, benehme mich also wie ein ordentlicher Bürger, gehe zum Aschenbecher und entsorge sie. Er folgt mir. Verlegen stehen wir uns gegenüber während sich der Bahnsteig allmählich mit Pendlern füllt. Er zieht mich an der Jacke zu sich und küßt mich. Ich bin überrascht, damit hab ich jetzt nicht gerechnet.
„Ich will dich jetzt nicht gehen lassen,“ er schaut mir in die Augen. Ein Blick, der mich trifft.
„Ich werde gleich in den Zug steigen,“ erwidere ich und senke den Blick.
„Vielleicht bilde ich mir das ein, aber vorgestern ...,“ er stockt. „Es hat sich was geändert.“
„Findest du?“
„Es war nicht nur das Gras.“
„Was soll es denn sonst gewesen sein?“ meine Güte, ich klinge selbst in meinen Ohren trotzig.
„Sag du es mir.“
„Hmm,“ ich habe einen Knoten im Hals. Selbst wenn ich wollte, ich könnte nicht zugeben, daß er recht hat. Er sagt nichts mehr, sondern küßt mich. So lange, bis mein Zug einfährt. Es interessiert uns beide nicht, daß die Pendler uns merkwürdig anblicken.

Die Türen öffnen sich, Passagiere drängen hinaus und andere wollen hinein. Wir lösen uns voneinander, als letztes gleitet meine Hand aus seiner.
„Wir sehen uns wieder,“ sage ich beim Einsteigen.
„Versprochen?“
„Versprochen,“ entgegne ich, dann schließen sich die Türen. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und ich frage mich ganz kurz, ob ich nicht doch einen Fehler gemacht habe. Ich stecke die Hände in die Jacke meiner Tasche, für drei Stationen bis ich umsteigen muß lohnt es sich nicht, in dem übefüllten Zug einen Sitzplatz zu suchen. Meine rechte Hand ertastet in der Tasche etwas, das da nicht hingehört. Er hat mir die Hälfte des Grases in die Tasche gesteckt mit einem Zettel, auf dem steht „Für die Heimreise.“

Und ich habe mein Versprechen gehalten. Wir haben uns wieder gesehen, denn es war nicht das Gras, das etwas zwischen uns geändert hat. Wir waren es.

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Schneeweischen - 6. Okt, 21:30
Wo steckst Du nur? Hast...
Wo steckst Du nur? Hast Du Dich vom Freibrief noch...
Stueck (anonym) - 3. Okt, 15:49
:-D
:-D
Schneeweischen - 25. Sep, 21:04
Warum war mir das klar??...
Warum war mir das klar?? *grübel*
Stueck (anonym) - 25. Sep, 15:14
Richtig
interessant wird es immer erst, wenn 'Stop' nicht mehr...
promisc - 25. Sep, 00:07

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Online seit 731 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 11. Okt, 17:49

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