...

Halb zwölf. Dunkel im Raum und das Licht der Laterne vor dem Fenster malt durch die Rolladen kleine Lichtstreifen auf die Tapete. Es sind vierunddreißig an der Zahl. In den letzten dreißig Minuten sind acht Autos und ein LKW die Straße lang gefahren, ein Güterzug über die tausend Meter entfernten Schienen gerollt. Ich habe mich siebenmal rumgedreht. Von der rechten auf die linke Seite, auf den Bauch und jetzt auf den Rücken. Ich kann zu Recht behaupten, daß ich nicht schlafen kann. Mein Kopf fühlt sich an wie voll gestopft - ähnlich wie der Schrank, den ich als Kind im Zimmer stehen hatte und in den ich einfach alles reingeworfen habe wenn ich aufräumen sollte. Tür auf, Krempel rein, Mutter zufrieden weil Zimmer oberflächlich aufgeräumt.

Ich bin auch nur oberflächlich aufgeräumt. Überall kribbelt es auf meiner Haut als würde ich in einem Ameisenhaufen liegen. Menschen klagen nach einer Amputation über Phantomschmerzen im verlorenen Körperteil. Ich hab noch alles, was vor dreißig Stunden auch noch zu meinem Körper gehörte und was ich fühle, sind die Hände, die jeden Quadratzentimeter meiner Haut berührt haben. Als ob sich die Berührungen unter meine Haut geschlichen hätten. Den Versuch einzuschlafen lege ich ad acta, stehe auf und ziehe mich an. Vielleicht hilft ein ausgedehnter Spaziergang.

Draußen ist es kühl, ein bißchen windig und die Sterne verstecken sich hinter Wolken. Laufen, einfach nur laufen. Mechanisch einen Schritt vor den anderen setzen. Das wohin ist nicht wichtig. Harte Schale, weicher Kern sagen die Leute, wenn sie versuchen, mich in kurzen Worten zu kategorisieren. Nur dreißig Stunden und die harte, rauhe Schale zerkrümelt wie ein alter Weihnachtskeks und rinnt durch meine Finger. Ich brauch meine Schale, ohne bin ich irgendwie nackter als wenn ich ohne Kleidung durch die Innenstadt liefe.

Ich stehe vor einer Telefonzelle, habe keine Ahnung, wie spät es sein könnte und spiele mit den Münzen in meiner Hand. In mir zerrt der Wunsch, ihn anzurufen. Nur ganz kurz hören, das alles in Ordnung ist. Auch wenn gar nichts in Ordnung ist. Doch ich kenne seine Telefonnummer nicht auswendig und das Handy hab ich nicht mitgenommen. Überhaupt, es ist viel zu spät zum Anrufen und ich weiß auch nicht, was ich sagen soll. Mehr als "Hallo" fällt mir nicht ein.

Meine Gedanken treiben mich durch die Straßen. Ab und zu fährt ein Auto an mir vorbei, sonst ist es ruhig und hinter den meisten Fenstern ist das Licht schon lange erloschen. In wie vielen der dunklen Zimmer passiert jetzt genau das, was gestern in seinem passiert ist? Darf es passieren? Obwohl, die Frage lautet nicht, ob das hätte passieren dürfen oder nicht. Denn Fakt ist, es ist passiert und hat mich vollkommen auf den Kopf gestellt. An meine Zigaretten habe ich wenigstens gedacht - sie ruhen in der Tasche meiner Jacke, die mir streng genommen nicht gehört. Mit der Hand schütze ich die Flamme des Feuerzeuges vor dem Wind, es knistert ganz leise und Rauch trudelt in meine Lungen.

Die Zigarette hilft mir auch nicht. Ich habe Mist gebaut und viel schlimmer noch: im Moment verschweige ich ihn. Vor mir selber, dem Mann an meiner Seite, dem besten Freund des Mannes an meiner Seite. Ich habe mir das irgendwann mal geschworen: Nie im Bekannten- und Freundeskreis zu "jagen". Das gibt nur Ärger, verletzte Gefühle und zieht Kreise, die weit über die primär betroffenen Personen hinausgehen. Auch wenn es sie nichts angeht, sie werden nichtsdestotrotz eine Meinung dazu haben, Stellung beziehen, darüber reden und polarisieren. Schon zu oft gesehen, daß solche Geschichten mit der Auflösung ganzer Freundeskreise enden können. Ganz zu schweigen von den Verletzungen, die ich damit einem oder gleich beiden zufügen werde. Aus dieser Situation komme ich nicht unbeschadet raus.

Ich kann nicht mal mehr genau sagen, was und wie ich mich fühle. Von Wut über Frustration über meine eigene Unfähigkeit, "Nein" zu sagen bis hin zu Sehnsucht. Schon wieder eine Telefonzelle. Seit wann haben wir hier in der Ecke so viele Telefonzellen? Von wem habe ich bloß diese Unvernunft und das Talent, mich immer wieder in Schwierigkeiten zu bringen? Ist da was Echtes oder war das alles nur der Ausbruch eines Bedürfnisses, das ich viel zu lange verbuddelt und unterdrückt habe?

Diese respektvolle Art und Weise mit mir umzugehen hat mich getroffen. Mitten ins Schwarze. Ich kämpfe seit Monaten dagegen, den Mann an meiner Seite nicht erreichen zu können und alles, was ich sehe ist, daß er mir immer mehr entgleitet. Wegrutscht in eine Welt, in die ich nicht folgen kann. Und auf einmal tut diese Erkenntnis so grausam weh, daß mir die Luft weg bleibt und mir die Tränen in die Augen schießen. Ob es egal gewesen wäre, welcher Mann letztendlich dieses verschüttete Bedürfnis nach Respekt und Nähe wieder an die Oberfläche geholt hätte? Mußte es ausgerechnet einer der ältesten Freunde des Mannes an meiner Seite sein?

Es ist kurz vor vier als ich wieder vor meiner Wohnungstüre stehe. Ich bin müde, mir tun die Füße weh und meine Gefühle schlafen bereits. Die viele frische Luft hat sie einschlafen lassen. Wie betäubt krieche ich in mein Bett, rolle mich unter meiner Decke zusammen und gleite langsam hinüber in den Traum, daß morgen alles wieder gut sein wird. Morgen.

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Zuletzt aktualisiert: 17. Aug, 21:16

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