Schmusekatze oder Kratzbürste?

Seit anderthalb Stunden hüllt mich die warme und unvergleichliche Stimme Aretha Franklins ein, singt mir Lieder über das Leben während ich selbstvergessen dem Teelicht dabei zuschaue, wie es sich selber verbrennend dem Erlöschen nähert. Der Mann an meiner Seite ist schlafen gegangen und ich bin alleine. Nur die Musik und meine Gedanken leisten mir Gesellschaft. Mir ist, als ob Erinnerungen lautlos durch den Raum schweben. Irgendwie stehe ich Kopf und betrachte die Welt, als hätte ich sie noch nie gesehen. Ich kenne mich selber nicht mehr.

Ich war nie das, was man als Schmusekatze bezeichnen würde. Ich gehe zuviel Nähe aus dem Weg und es gab nur einen Menschen, den ich wirklich nahe an mich heran gelassen habe und der mir Schritt für Schritt entglitten ist. Für alle anderen war ich immer die Starke, die es zu besiegen galt. Besiegt wurde ich selten, ich vermittelte anderen nur subtil das Gefühl, den Sieg über mich errungen zu haben. Doch die Fäden habe ich nicht aus der Hand gegeben - was passierte, das passierte nach meinem Willen. Ich bekam, was ich wollte. Ich ging danach wieder meiner Wege.

Ich war nie auf der Suche nach Nähe, weil ich sie nie vermißt habe. Abenteuer ist und war das Ziel meiner Streifzüge. Die Antwort auf die Frage finden "Geht da was und wenn ja, was geht da?" Schon komisch, ich kann mit wildfremden Männern Sex haben doch jemandem zu gestatten, mich einfach nur zu streicheln kann ich in den meisten Fällen nicht haben. Irgendwann muß ich das mal gelernt haben - zu viel Nähe ist böse und tut weh.

Was passiert hier und vor allem, was geschieht mit mir? Ist das nur eine Phase? Ein Lernprozeß? Der Beginn von etwas neuem? Ein verschüttetes Bedürfnis? Was auch immer es ist, es führt dazu, daß ich nachts ratlos herumsitze und lange nicht mehr gehörte Musik höre, zu viel rauche und versuche, das Rätsel mit aller Macht lösen zu wollen. Geht nicht, ich renne mit dem Kopf vor eine Mauer.

Vor ein paar Tagen im Bistro. Unterwegs mit anderen und ich bin nicht in der Lage, dem Gespräch zu folgen. Weil eine Hand unter dem Tisch auf meinem Knie ruht, die zu dem Mann gehört, der eigentlich tabu ist. Und mit dem ich uneigentlich alleine sein, von dem ich berührt und festgehalten werden will. Und den ich gerne verfluchen würde, weil er diese Schmusekatze in mir geweckt hat. Nähe ist im Moment nicht böse und sie tut nicht weh. Ich bin mir nicht mal sicher, was das ist. Neugier? Liebe? Machtspielchen mit mir selber? Wie schizophren klingt das denn? Ich pendel zwischen zwei Extremen und egal, wo und bei wem ich bin, ich bin jedesmal voll und ganz da. Weiß nicht mehr, wo ich hin gehöre. Was ich will. Wohin das alles führen soll. Dieser Zustand müßte an mir zerren, mich unter Spannung setzen. Seltsamerweise fühle ich mich ruhiger denn je. Lebendig und alles, was wichtig ist, das ist der Moment. Von einem zum anderen. Ich kann auch nicht weiter denken als von einem Moment zum nächsten.

Irgendwann muß ich reinen Tisch machen. Was soll ich dann sagen? Und zu wem? "War nett mit Dir, doch aus mir macht man auf Dauer keine Schmusekatze?" oder "Ich geh dann mal, Dein ehemals bester Freund gibt mir jetzt genau das, was ich in diesem Moment brauche?"

Was ist das, was mich dazu bringt, alles einschließlich mich selber zu vergessen, wenn er mich berührt? So gut sind wir auch nie befreundet gewesen als daß das Vertrauen so tief gehen kann. Woher kommt diese Intensivität, die mich in meinen Grundfesten erschüttert und auf den Kopf stellt? Wenn ich in den Spiegel gucke, schaut mich eine vage vertraute Person an, die mir die Frage stellt "Wer bist du?" Madame Rosenrote, dann wollen wir mal sehen, was Du am Ende findest, wenn die Nebel sich lichten, die Welt nicht mehr auf dem Kopf steht und Du die Antworten auf Deine Fragen hast. Die Lektion erscheint dann, wenn der Schüler bereit ist. Simple as that.

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