Zugfahrt
Es ist Sommer und ich stehe an einem Bahnhof, der aussieht als sei er aus einem Film der fünfziger Jahre entstiegen. Unter dem niedrigen Dach, daß die Bahnsteige überspannt, steht die Hitze. Es ist halb zwölf nachts, die Sonne hat bereits seit einiger Zeit der Nacht ihren angestammten Platz eingeräumt. Hier stehe ich nun, müder Körper und müde Seele. Anstrengende Wochen liegen hinter mir, die mich ins benachbarte Ausland verschlagen haben. Jetzt ist es Zeit, nach Hause zu fahren. Noch eine Viertelstunde. Zeit für eine Zigarette.
Bremsen quietschen. Auf dem Zug steht CNL. Kaum Menschen, die ein oder aussteigen. Ein paar Meter weiter nimmt ein Liebespaar vollkommen versunken voneinander Abschied. Ein Lächeln stiehlt sich in meine Mundwinkel als ich einsteige. Schlafen und dabei nach Hause fahren. Eine gute Kombination. Wenn ich morgen wach werde, dann bin ich zu Hause. Wo ich hin gehöre. In meinem Abteil und an dem Sitz, der laut Reservierungs-Bestätigung meiner sein soll, angekommen, ereilt mich fast der Schlag. Es ist stickig und ein Chor aus sonoren Schnarchern füllt das Abteil mit Lärm. Quer über meinen Sitz liegt ein Kerl wie ein Baum, der auch nicht zu wecken ist. Er trägt ein Fußball-Trikot, irgendeine Bundesliga-Mannschaft. So wie der Rest im Abteil auch. Ich erkenne, daß das wohl vorerst nichts wird mit Schlaf, also verstaue ich den Rucksack im Gepäckfach, nehme mein Buch und mein Portemonnaie heraus. Alles andere ist nicht wichtig und wäre kein großer Verlust, wenn es abhanden käme.
Mein Buch, mein Portemonnaie und ich machen uns auf den Weg ins Bordrestaurant. An einem Tisch sitzen zwei Mädels und lachen zusammen. Sie sind sich ähnlich und sehr hübsch. Mir gefallen die Brüste der größeren von beiden. Am Thresen stehen mehrere Männer und diskutieren über PCs. Ich rutsche auf einen der vielen freien Sitzplätze. Schlage das Buch auf. Und schaue aus dem Fenster statt zu lesen. Nur mein eigenes Spiegelbild schaut mich müde an während draußen die Landschaft im Dunkeln liegt. Ab und an flitzen Lichtpunkte vorbei. Halb amüsiert, halb ärgerlich stelle ich fest, daß ich auf dem Kopf aussehe als hätte ich die Finger in die Steckdose gesteckt.
Plötzlich merke ich, daß ich beobachtet werde. Ich merke oft, wenn man mich anschaut. Es prickelt dann irgendwie im Nacken. Ein kurzer, schweifender Blick fängt den Blick einer der Männer am Thresen ein. Groß, trainiert, dunkle Haare, hübsches Gesicht, gepflegte Hände stelle ich beim raschen Scannen fest. Gefällt mir. Ich schenke ihm ein Lächeln, senke den Blick in mein Buch und vergesse ihn.
Das Licht ist gedämpft, nicht so grell. Eine Wohltat für meine Augen. Auf einmal legt sich ein Schatten über mein Buch. "Magst du einen Orangensaft?“ fragt mich eine tiefe und merkwürdig sanfte Stimme. Ich schaue auf und frage mich, ob mein Gesichtsausdruck so dämlich ist wie ich mich fühle. Ich reagiere schlecht auf Überraschungen. Und überrascht bin ich. Vor mir steht der gut aussehende Kerl, dem ich vor kurzem noch ein Lächeln schenkte. "Hab ich mich versehentlich auf deine Freundin gesetzt?“ schnaube ich abweisend. Er lacht und rutscht ohne zu fragen auf den Sitz mir gegenüber. Der Tisch trennt uns und er stellt zwei kleine Flaschen Orangensaft zwischen uns. "Was liest du?“ sein Lächeln raubt mir den Atem. "Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner,“ ich halte das Buch hoch wie einen Abwehrschild. Weiche von mir, Satan!
Doch er weicht nicht. Er erstaunt mich und verwickelt mich in ein höchst komplexes Gespräch über Literatur. Er könnte auch über das Wetter reden. Hauptsache, er spricht mit dieser schönen tiefen und sanften Stimme. Ohne es zu wollen, fast automatisch, stellt mein ganzes Wesen auf Flirt-Modus um während draußen die Dunkelheit vorübergleitet. "Ich will morgen mit dir frühstücken!“ sagt er plötzlich. Vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Schon wieder bin ich überrascht. "So, willst du das. Wer sagt, daß ich das will?“ ich stelle auf Abwehr. Er beugt sich vor, überbrückt den Tisch zwischen uns und läßt eine meiner langen, roten Haarsträhnen spielerisch durch seine Finger gleiten. "Willst du?“
Und, wollte ich? Gibt es einen Teil II oder endet die Geschichte hier?



Vielleicht....
Ich sag`s ja - immer diese "Ö"! *grins*